Dit un Dat - Heimatgeschichte
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Bösels evangelische Zeit
von Pfr. Dr. Ralph Hennings

Daß Bösel einmal ein evangelisches Dorf war, ist aus heutiger Sicht beinahe unvorstellbar. Und doch gab es eine Periode von siebzig Jahren, in der Bösel zusammen mit den übrigen Gemeinden des sogenannten Niederstiftes Münster eine evangelische Region bildete. Angeregt durch die Nachbarschaft zur evangelischen Grafschaft Oldenburg, dem evangelischen Ostfriesland und dem evangelisch gewordenen Hochstift Osnabrück breitete sich seit 1543 eine Art "ungeregelter" Reformationsbewegung im Niederstift Münster aus.
Eine Bedingung, die diese Entwicklung begünstigte, war die Rechtsstellung unserer Region in der Reformationszeit. Das Niederstift Münster gehörte zwar dem Bistum Münster, aber die geistliche Herrschaft über die Ämter Vechta, Cloppenburg und Wildeshausen übte das Bistum Osnabrück aus. Am 6. Juli 1543 führte der aus Quakenbrück stammende Herman Bonnus auf Wunsch des Rates der Stadt Osnabrück die Reformation in den münsterschen Ämtern Cloppenburg und Vechta ein. Die versammelten Pastoren aus der Region erhielten eine evangelische Kirchenordnung, die sogenannte "Landkirchenordnung" . Sie wurden von Hermann Bonnus unterrichtet "über die angemessene Feier der Messen, die Verwaltung der Sakramente, die Austeilung beider Gestalten im heiligen Sakrament des Leibes und Blutes Christi, die Verwaltung des Armenkastens, über Feiertage, Katechismuspredigt und Ehesachen. Außerdem empfahl er den Pastoren einige Bücher zur Anschaffung" . Obwohl dieser Reformationsversuch für die Betroffen überraschend kam, "zeitigte die kurze Reise von Hermann Bonnus auf die Dauer eine nachhaltige Wirkung" . In Bösel hielt die Tiefenwirkung der Reformation sogar länger an, als man bisher glaubte.
Zu denen, die sich seit 1543 an die evangelische Kirchenordnung hielten, gehörten auch die Pfarrer von Altenoythe, die für Bösel zuständig waren. Mindestens siebzig Jahre lang übten die Altenoyther Pfarrer ihr Amt evangelisch aus . Das Bistum Münster war erst 1613 in der Lage, diese Situation zu klären. Damals kam es zur Ausweisung aller evangelischen Pfarrer (nur drei oder vier Pfarrer des Niederstifts konnten bleiben) und zu einer Rekatholisisierung dieses Gebiets.
Aus dieser Zeit stammt die erste Nachricht über ein Kirchengebäude in Bösel. In der wahrscheinlich aus dem Mittelalter stammenden Kapelle in Bösel, die dem Heiligen Martin geweiht war, hatte der (evangelische) Pfarrer von Altenoythe ein Mal im Monat zu predigen. Diese Nachricht aus dem Jahre 1613 gibt noch den evangelischen Zustand wieder, in dem der Gottesdienst auf die Predigt zentriert war. . Die Böseler bestanden darauf, daß sie eine evangelische Predigt in ihrer Kapelle hören konnten und haben dafür dem Altenoyther Pfarrer ein "Malt Roggen" gezahlt. Mindestens bis 1613 wurde in Bösel regelmäßig evangelischer Gottesdienst gefeiert. Die späteren Nachrichten über die Kapelle in Bösel bestätigen erstaunlicherweise die Fortdauer des Predigtgottesdienstes in Bösel selbst nach der offiziellen Rekatholisierung . Der Altenoyther Pfarrer Cappius gibt 1630 an, weiterhin einmal im Monat in Bösel zu predigen, also keine Messe zu feiern. Das gleiche bestätigt auch Pfarrer Henschen aus Altenoythe nach dem Ende des dreißigjährigen Krieges. Erst nachdem 1667 das Niederstift Münster aus der geistlichen Herrschaft des Bistums Osnabrück in die geistliche Herrschaft des Bistums Münster überführt wurde, gibt es die erste Erwähnung einer Meßfeier in Bösel. Rudolph Kremerinck, der Kaplan des Altenoyther Pfarrers, predigt weiterhin 12 mal im Jahr in Bösel, und erst jetzt wird erwähnt, daß er einmal im Vierteljahr die heilige Messe hält. Karl Willoh wertet das als Zeichen, daß erst nachdem die münstersche Herrschaft geistliches und weltliches Regiment umfaßte, und nach Altenoythe ein Kaplan zur Verstärkung entsandt wurde, der katholische Gottesdienst durchgesetzt werden konnte . Das zeigt, wie stark in den Gemeinden der Widerstand gegen die Rekatholisierung war und wie tief die kurze evangelische Periode im Niederstift Münster gewirkt hat . Ein Dorf wie Bösel konnte es durchsetzen, daß noch fünfzig Jahre nach der Durchführung der Gegenreformation in seiner Kapelle Predigtgottesdienste gehalten wurden. Dazu paßt die kurze Notiz über die Eingesessenen in Altenoythe, die 1651 als "ausgesprochen kühle Katholiken" bezeichnet werden . Die Verbindung dieser kühlen Katholiken oder "immer-noch-Lutherischen" in Altenoythe und Bösel zu den evangelischen Gebieten um sie herum, muß trotz der Schwierigkeiten, die das unwegsame Vehnemoor bereitete, gut gewesen sein. In der Zeit zwischen dem Ende des dreißigjährigen Krieges und dem Beginn der münsterschen geistlichen Herrschaft im Niederstift, ist dem Kirchenrechnungsbuch der evangelischen Kirchengemeinde zu Zwischenahn eine Spende "Zur Reparation der Capell zu Bösel" in Höhe von 24 Groten vermeldet (siehe Abbildung). Dieser Kontakt über die Landes- und Konfessionsgrenze ist nur zu verstehen, wenn man annimmt, daß aus ammerländischer Perspektive Bösel nicht "feindliches" Ausland war, sonder eine notleidende evangelische Gemeinde, die man unterstützen wollte. Die Ammerländer hatten dazu auch die finanziellen Möglichkeiten, weil sie im dreißigjährigen Krieg keine Zerstörungen hatten hinnehmen müssen. Altenoythe, Westerloh und auch Bösel waren hingegen betroffen gewesen. Diese bisher unbekannte Spende aus dem Ammerland erklärt, wieso der Altenoyther Pastor Henschen 1669 über die Böseler Kapelle berichten konnte: "Es müßte ein Zaun errichtet werden, wofür Holz bereit liegt. Das Dach läßt auf einer Seite Regen durch, einen Reparatur ist schon im Gange" . Daß es die nötigen Mittel zur Reparatur gab, ist sicher auch der ammerländischen Spende zu verdanken. Daß es eine solche grenzüberschreitende Hilfe gegeben hat, ist der evangelischen Solidarität zu verdanken. Die Notiz im Zwischenahner Kirchenrechnungsbuch liefert damit einen weiteren Mosaikstein für die ansonsten sehr spärliche Quellenlage zur Durchsetzung der Gegenreformation im Niederstift Münster und seinen einzelnen Orten. Dabei scheinen gerade die etwas abgelegeneren Orte wie Bösel sich fest an die 1543 eingeführten reformatorischen Gedanken und Prinzipien gehalten zu haben.